Lettre International: "Wie
würden
Sie die Etappen der Entwicklung Berlins seit 1989 beschreiben,
die Meilensteine
der Entwicklung? Sie sagten im Jahre 2006, der Schutt sei
abgeräumt, man sei
nicht mehr im Jahre 1945, sondern schon im Jahre 1947 angekommen. Wo
befindet
sich Berlin heute?"
Thilo
Sarrazin: „Am 8. November
1989 gab es zwei Berlins, eines im Westen, eines im Osten.
Ostberlin war eine
Großstadt von 1,3 Millionen Einwohnern, mit einer veralteten
Industrie,
die
sich nach dem Mauerfall größtenteils auflöste. Es war
das Zentrum der DDR. In
Berlin lebten
Hunderttausende, die dem Regime zugetan waren und für es
arbeiteten, wie man heute noch an
den Wahlergebnissen bestimmter Stadtviertel
ablesen kann. Eine politisierte Bürokratie, Militärs,
Parteiangehörige,
Verwaltungsleiter, leitende Kader.
Daneben
gab es das Berlin der
DDR-Subkultur, das von den Intellektuellen über Bärbel Bohley
und das Neue
Forum bis zum Underground des Prenzlauer Bergs reichte. Für die
übrige DDR
war
Berlin Symbol des Bösen.
Es
gab zwei Symbole des Bösen:
einmal das Sächsische von Walter Ulbricht und zum anderen
die Berliner. Nach
Leipzig kamen Bananen und Apfelsinen nur einmal im Jahr zur Messe,
während
Berlin fortwährend die Ressourcen des übrigen Landes abzog.
Achtzig Prozent
aller
Baugerüste der DDR standen in der Berliner Innenstadt, jedes
dritte Haus
war eingerüstet,
nur geschah nichts, weil Material fehlte. Das war Ostberlin.
Westberlin
war von dynamischer
Wirtschaft weitgehend entleert, es gab Ausnahmen wie Schering
und den
Siemens-Turbinenbau, doch die Schicht der Spitzenmanager war
verschwunden, die
Topentwickler der Unternehmen waren weg, es gab vor allem
verlängerte
Werkbänke, die von
üppigen Subventionen lebten.
Das
hatte Folgen für die
Bevölkerungsstruktur. Auch der immense jüdische Aderlasss
konnte
nie
kompensiert werden. Dreißig Prozent aller Ärzte und
Anwälte, achtzig Prozent
aller
Theaterdirektoren in Berlin waren 1933 jüdischer Herkunft. Auch
Einzelhandel und Banken
waren großenteils in jüdischem Besitz. Das alles gab es
nicht mehr, und das war gleichbedeutend
mit einem gewaltigen geistigen
Aderlass. Die Vernichtung und Vertreibung der Juden aus
dem deutschsprachigen
Raum insgesamt betraf zu sechzig bis siebzig Prozent Berlin und Wien.
Dazu kam
der Weggang des klassischen leistungsorientierten Bürgertums.
Hermann Josef
Abs,
Vorstand der Deutschen Bank, wohnte bis 1945 im Berliner Westend.
Unauffällig hatte er
seine Familie im Herbst 1944 nach Remagen im Rheinland
geschafft, wo er 1940 ein Landgut
gekauft hatte; er selbst war nach Hamburg
entschwunden. Der Siemens-Vorstand hatte im
Oktober 1944 beschlossen, die
Führung heimlich nach München zu verlegen. Später gab es
zwar ein gewisses
Innehalten dieses Verlagerungsprozesses, aber nach 1961 hat er sich
wieder
beschleunigt.
Die
wirtschaftliche
Leistungselite – Industrie, Verlage, Medien – hat Berlin verlassen.
Von Kunst
und Kultur ist manches geblieben. Die Berliner Subventionswirtschaft,
die
ein
notwendiger Teil der Wirtschaft und Politik der Stadt bis 1989 war, hat
es
geschafft,
für all das, was staatlichen Subventionen zugänglich war –
wie die
Freie Universität,
Theater –, möglichst viele Mittel ranzuholen. Doch es ist
ein Unterschied, ob man sich
am Markt durchkämpft oder in einem geschützten Bereich
angesiedelt ist, wo man
komfortabel von staatlichen Mitteln lebt. Die
leistungsorientierten Berliner gingen weg.
Das war ein kontinuierlicher Prozeß;
wer als Westberliner Schüler ein Ingenieursstudium
machte und dann als
Elektroingenieur arbeiten wollte, hat das zu achtzig Prozent woanders
tun
müssen. Es kamen die Achtundsechziger und alle, die Berlin eher
als
Lebensplattform
suchten. Menschen, die gerne beruflich aktiv waren, wurden
ersetzt durch solche,
die gerne lebten.
Dieser
Austausch führte zu einer
gewissen Stagnation. Berlin war immer hip und toll,
barbusige Frauen im
Tiergarten konnte man schon 1975 bestaunen. Auch die Politik
war etwas
Besonderes, einerseits getragen von dem Appell: „Völker der Welt,
schaut
auf
diese Stadt“ von Ernst Reuter bis zu Willy Brandt, aber gleichzeitig
geprägt
von
wachsendem Provinzialismus und Kleinlichkeit, also Steglitzer Kreisel,
Architektin
schläft mit Baustadtrat usw. Am Ende war die Stadt personell auf
Westimporte
angewiesen. Der Landeshaushalt lebte zu fünfzig Prozent vom
Bundeszuschuss.
Für
den Erfolg der Berliner
Politik war es wichtiger, in Bonn zu antichambrieren,
als die Kräfte der Stadt
zu stärken. Dazu gab es eine vermachtete Bauwirtschaft.
Ich war in den
achtziger Jahren im Aufsichtsrat des Berliner Flughafens und wusste
von anderen
Flughäfen, was zum Beispiel eine Halle kostet. Ich wunderte mich
immer,
dass in
Berlin alles dreißig Prozent teurer war. Das war eine
kartellartige Struktur.
Im Wohnungsbau war alles doppelt so teuer wie in Westdeutschland.
Es
brauchte Zeit, bis das
aufbrach. Diese subventionsverwöhnte Politikerklasse
war noch am Ruder, als
1991 die Subventionen rapide einbrachen.
Das Bundesfinanzministerium hat
entschieden, die Berlinförderung
zusammenzustreichen; die 13 Milliarden pro Jahr
für Berlin brauchte
die ehemalige DDR dringender. Natürlich auch Ostberlin –
aber das Geld wurde
umgeschichtet. Die Berliner verstanden die Zeichen der Zeit
nicht und haben
weitergewirtschaftet wie zuvor. So sind sie von einem
Schuldenstand, der niedriger
war als der in Bayern, in zehn Jahren auf einen
Weltrekordschuldenstand geraten,
weil die Umsteuerung in den ersten Jahren gar
nicht, ab 1995 nur halbherzig und
erst ab Januar 2002 richtig stattfand.
In
diesen Jahren nach 1989 lebte
man im Wolkenkuckucksheim. Es wurde ein
riesiges Wohnungsbauprogramm
aufgezogen, weil man meinte, Berlin würde
1 bis 2 Millionen neue Bewohner
bekommen. 1939 hatte Berlin 4,3 Millionen
Einwohner, Charlottenburg hatte in
den dreißiger Jahren doppelt so viele wie
heute. Man ging also von einem hohen
Bevölkerungswachstum aus. 1989 hatte
der Westen etwa 1,9 Millionen, der Osten
1,3 Millionen Einwohner. Heute
sind es zusammen 3,3 Millionen. Wir erreichen
nicht einmal die Vorkriegszahlen
und werden schon gar nicht die phantastischen
5 Millionen bekommen, die
damals prognostiziert wurden.
Man
schaute in die Ferne und hat
alles, was vor Ort wichtig war, vernachlässigt.
Der Ausbau des internationalen
Flughafens Schönefeld hätte schon vor zehn
Jahren stattfinden können. Die
„Drehscheibe zwischen Ost und West“ war die
große Formel, aber substantiell
geschah gar nichts. Die Industrie in Ostberlin
ging zugrunde, sie ging in
Westberlin zugrunde, wir haben jetzt noch 95 000
Industriearbeitsplätze. In den
neunziger Jahren waren die Handelsbeziehungen
zwischen Polen und
Baden-Württemberg enger als die zwischen Polen und Berlin,
denn die
Baden-Württemberger hatten, was die Polen brauchten: Maschinen –
die Berliner
nicht. Bei uns waren die Beziehungen insoweit eng, als jeder bessere
Berliner
Haushalt einen Polen beschäftigte, der ihm für acht Mark
Stundenlohn
die Wände
strich oder die Wohnung putzte. Man hat den Kopf in die Wolken
gesteckt,
reichlich öffentliches Geld genossen und lebte nicht auf dem Boden
der
Tatsachen.
Die
Berliner Wirtschaftskraft pro
Einwohner war im vereinten Deutschland im
Jahre 1991 exakt auf dem Bundesniveau
von hundert Prozent; Westberlin hatte
ein höheres Sozialprodukt, Ostberlin ein
niedrigeres als andere Stadtstaaten.
Berlin wuchs bis 1997 leicht stärker als
der Bundesdurchschnitt. Heute wissen
wir, dass das durch den Bauboom verursacht
war. Irgendwann brach das
Berliner Baulöwenkartell zusammen, die Preise
normalisierten sich, und es
gingen viele Bauaufträge an Firmen außerhalb
Berlins. Heute ist die Berliner
Bauwirtschaft zu Recht weitgehend kaputt und
muß sich erst wieder aufbauen.
Nachdem der Potsdamer Platz und der Reichstag
vergeben waren, ließen
die großen Aufträge nach. Das Sonderphänomen, daß
extrem
viel öffentliches
Geld in kürzester Zeit auf wenigen Quadratkilometern verbaut
wurde, hatte
man für Normalität gehalten. Manche sahen schon ein neues
Schanghai entstehen.
Irrtümer ohne Ende! Denn dann ging Berlin auf Schrumpfkur.
Heute hat Berlin
etwa 85 Prozent der bundesdeutschen Wirtschaftskraft, mehr als
Ostdeutschland
mit zirka 75 Prozent, aber für einen Stadtstaat dramatisch
wenig. Langsam fängt
die Stadt wieder an zu wachsen.
1990/91
hatte man eine Vision
von der Wiedererstehung Berlins der zwanziger
Jahre, doch Berlin ist weder
Industriezentrum noch Bankenzentrum;
ein intellektuelles Zentrum schon, aber
nicht mit dem Gewicht der zwanziger Jahre.
Die Drehscheibenfunktion zwischen
Ost und West wurde nicht von Berlin
übernommen, sondern von Wien. Die Wiener
haben das alte k. u. k. Vorfeld
wiedergewonnen und profitieren von den
einstigen Verhältnissen. Österreich
hat mehr internationale Organisationen für
sich gewonnen, seine Banken sind
zügig in den Osten hineingegangen. Wien war
eine dynamische Stadt, die sich
am kapitalistischen Markt behaupten musste, in
Berlin saß ein verfetteter
Subventionsempfänger, der durch Entzugsschmerzen
erst wieder an die
Wirklichkeit gewöhnt werden musste. So etwas kann sich nur
durch einen
Bevölkerungsaustausch vollziehen, man ändert ja niemanden.
Wenn
sich in Berlin
etwas ändert, dann dadurch, dass Generationen auswachsen. Davon
leben
Metropolen immer. Welcher berühmte Pariser Schriftsteller wurde
schon in
Paris geboren? Man kommt aus der Provinz, man geht in die Hauptstadt,
man wird
etwas, und im Alter zieht man auf sein Landgut in der Provinz
zurück.
So ist es
auch mit New York."
Die in der Stadt bis heute
zirkulierenden Größenphantasien passen doch perfekt
zu dem Interesse, die
Finanzinjektionen aufrechtzuerhalten, solange es geht;
je größer die Zukunft
projiziert ist, je mehr Berlin verspricht, desto attraktiver
ist es für jene,
die über weitere Subventionen zu befinden haben.
Unabhängig
von den Fähigkeiten
und dem Willen aller Beteiligter dürften
die schiere Geographie und die
Trampelpfade der Geschichte gewisse
erzieherische Konsequenzen haben. Durch die
Hauptstadtentscheidung
für Berlin haben sich politische, kulturelle und
soziologische, nicht aber
ökonomische Gewichte dramatisch verschoben. Dieser
Prozess wird
von der Politik angeführt, und es ist eine tektonische
Verschiebung im Gange.
Die alte Bundesrepublik war beherrscht von der Balance
zwischen Hamburg,
Köln, München und Frankfurt als den großen Zentren.
Diese
verlieren nun
enorm an Gewicht. Ob es um Anteile am nationalen Diskurs oder an
der
kulturellen Produktion geht, an Fernsehserien, an Populärkultur
bis hin zu
dem Umstand, dass auch die Länder als die Vertreter des
Föderalismus
Berlin als
Bühne benutzen. Wenn ein Ministerpräsident etwas
verkündet,
tut er das nicht in
einer prachtvollen Stadt in Baden-Württemberg oder in
seiner prachtvollen
Staatskanzlei, sondern in Berlin, denn hier verfügt er
über einen
Resonanzboden. Die Deutschen hatten immer schon eine
stärkere zentralstaatliche
Gesinnung, als ihre Politiker glauben wollten.
1871 macht das klar.
Auf welcher Ebene, der symbolischen oder der realen?
Auf
der mentalen Ebene. Nehmen
wir das Thema Kindergärten.
Es besteht die Kulturhoheit der Länder, und es gab
die Föderalismus-
reform I, die dem Bund verbietet, Geld an die Gemeinden zu
geben,
und die die Zuständigkeit für Bildung eindeutig als
Ländersache
reklamiert. Die Tinte unter der Verfassungsänderung der
Föderalismus-
kommission
I war noch nicht trocken, als die Kindergartenversorgung
und die
Kruppenversorgung für die bis Dreijährigen zu einem bundes-
weiten Thema wurden
und der Bund ein Programm dazu auflegte,
dem alle Länder begeistert folgten,
obwohl das verfassungswidrig ist.
Die Wissenschaftsministerin Schavan ist nicht
zuständig für Bildung,
sondern für Wissenschaft, aber für die Bürger ist der
Bund zuständig.
Der Bürger nimmt die Gemeindeebene als kommunale Ebene wahr
und
die Bundesebene – die Länderebenen – nimmt er nicht zur Kenntnis.
Diese
Tendenz verstärkt sich
heute. Damit wird das Zentrum
bedeutender, was durch die schrumpfende
Bevölkerung unterstützt
wird. Der Prozess der demographischen Schrumpfung führt
zu
einer relativen Entleerung der Fläche und der kleinen Städte.
Die
Oberzentren gewinnen an Gewicht.
Rem Koolhaas sagt, die
Mitte
definiere sich heute nicht mehr
geografisch, sondern funktional, temporal,
logistisch; es gibt
Entwicklungen, wie in der Kommunikationstechnologie, die
bewirken, dass die physische Präsenz und Begegnung vor
Ort nicht mehr die
Rolle spielt wir früher in Hauptstädten.
Die
Entwicklung läuft weltweit
auf eine relative Zentralisierung zu.
In den USA konzentrieren sich die
Menschen an den Küsten,
das Land entleert und konzentriert sich in wenigen
Ballungszentren.
Denselben Prozess haben wir auch. Die gut ausgebildeten
Menschen
leben dort, wo es ihnen am besten gefällt. Die Industrie, die
zunehmend unstofflicher wird und einen wachsenden Anteil an
Dienstleistungen
und intellektueller Arbeit beinhaltet, geht dahin,
wo sie das beste
Humankapital findet.
Viele
ziehen vom Land in die
Zentren, nach Köln, Hamburg,
München, in den Frankfurter Raum und nach Berlin.
Unter
diesen Zentren wird Berlin an Bedeutung gewinnen.
Topanwälte,
Wirtschaftsberater, Manager, Ingeniere,
Wissenschaftler – viele möchten gerne
in Berlin leben,
viele Firmen eröffnen deshalb Dependancen. Für die
nächsten
dreißig Jahre bin ich optimistisch.
Reichen solche Impulse
aus, um
einen Stadtkörper von dieser
Größenordnung erhalten zu können? Was bedeutet es
für eine
Bevölkerung, für eine Verwaltung, zu wissen, man lebt in
einer
Stadt,
die nicht fähig ist, sich aus eigener Kraft zu ernähren?
Das produziert doch
Abhängigkeitsgefühl und Subalternitätsempfinden.
Die
alte Berliner
Subventionswirtschaft ist eigentlich beendet.
Berlin ist heute Element des
normalen Finanzausgleichsystems
und wird über drei Quellen subventioniert.
Erstens: Bei den
zentralen Steuern gibt es, wie bei allen Stadtstaaten, einen
Stadtstaatenzuschlag von dreißig Prozent. Das haben wir mit
Hamburg und Bremen
gemeinsam. Zweitens sind wir Teil des
Länderfinanzausgleichs: Der verteilt
Steuern bis auf kleine
Spitzenbeträge zwischen den Ländern; Zahler sind Hessen,
Bayern, Baden-Württemberg; der Hauptempfänger ist Berlin.
Das ist ein
Systemteil. Drittens gibt es den Solidarpakt Ost,
aus dem Berlin noch 1,6
Milliarden jährlich bekommt; diese
bauen sich allerdings gesetzlich bis 2019
ab.
Dazu kommt eine wieder wachsende Kreditaufnahme.
Ich
habe sieben Jahre Energie
darauf verwandt, den
städtischen und staatlichen Apparat im Land Berlin
finanziell
an das anzupassen, was man sich leisten kann, und ich hatte Erfolg.
Die jetzige Phase ist schwieriger, und ob der politische Wille
weiterhin so
vorhanden ist wie in den letzten sieben Jahren,
muss man abwarten.
Sie sprechen so
sanftmütig und
wohlwollend, wie Sie nie zuvor
gesprochen haben.
Die
Probleme sind lösbar; ob sie
gelöst werden, weiß ich nicht.
Man muss die Ebenen analytisch trennen. Man muss
sehen,
was an Verbänden in die Stadt kommt, was die Bundesregierung
hineinbringt – unabhängig davon, was die
Verwaltungskörperschaft
aus eigenen
Mitteln tut. Die Stadt hat eine überdimensionierte
Infrastruktur für 4,5
Millionen Menschen, das sieht man an der
Breite der Straßen. Die Stadt hat
einen produktiven Kreislauf
von Menschen, die Arbeit haben und gebraucht
werden, ob es
Verwaltungsbeamte sind oder Ministerialbeamte. Daneben hat
sie
einen Teil von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung,
die nicht
ökonomisch gebraucht werden, zwanzig Prozent leben
von Hartz IV und
Transfereinkommen; bundesweit sind es nur
acht bis zehn Prozent. Dieser Teil
muss sich auswachsen.
Eine
große Zahl an Arabern und
Türken in dieser Stadt, deren
Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat
keine
produktive Funktion, außer für den Obst- und
Gemüsehandel,
und es wird
sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln.
Das gilt auch für einen Teil
der deutschen Unterschicht, die
einmal in den subventionierten Betrieben Spulen
gedreht oder
Zigarettenmaschinen bedient hat. Diese Jobs gibt es nicht mehr.
Berlin hat wirtschaftlich ein Problem mit der Größe der
vorhandenen
Bevölkerung.
Wenn Sie sagen
„auswachsen“, meinen
Sie damit, dass die Leute
sterben und sich diese Schicht nicht wieder neu
generiert durch
Kinder, Enkel usw.?
Niels
Bohr hat gesagt, er hat
noch nie jemanden kennen gelernt,
der seine wissenschaftliche Meinung geändert
hat. Wissenschaftliche
Meinungen sind immer nur ausgestorben. Und das ist auch
sonst so.
An das eine erinnern sich die Leute nicht mehr, und das andere muss
sich auswachsen. Berlin wird niemals von den Berlinern gerettet
werden können.
Wir haben ein schlechtes Schulsystem, das nicht
besser werden wird. Berlin ist
belastet von zwei komponenten:
der Achtundsechzigertradition und dem
Westberliner Schlampfaktor.
Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent
aller Geburten in der
Unterschicht stattfinden. Hier werden Trends verstärkt
sichtbar, die
ganz Deutschland belasten. So dass das Niveau an den Schulen
kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen. In Berlin gibt es
stärker als
anderswo das Problem einer am normalen Wirtschaftskreislauf
nicht teilnehmenden
Unterschicht.
Haben Sie die Idee, dass
Berlin
eine dynamische, aus eigener Kraft
wachsende Stadt werden könnte, aufgegeben?
Wie
sieht die Wirtschaft der
Zukunft aus? In den westlichen
Industriegesellschaften werden die einfachen und
mittleren
Arbeitsplätze in der Warenproduktion, aber auch in
Dienstleistungen,
die man elektronisch übermitteln kann, ob das Callcenter sind
oder einfache
Ingenieurs- und Konstrukteurstätigkeiten, zunehmend
ins Ausland verlagert. Wir
bewegen uns auf einen Weltarbeits-
einheitslohn zu. Der Arbeitsplatz eines
Wissenschaftlers in der
Chemie kostet bei uns und in Schanghai etwa dasselbe.
Die Kosten
für das Labor und die Stoffe sind nicht sehr verschieden. Man
macht
das dort, wo es am besten geht. Es kommt nicht so genau darauf an.
Unten wird
der Arbeitslohn im Prinzip gesetzt von den vielen fleißigen
asiatischen
Arbeitern, von Thailand bis China.
Ein
großer Flachbildfernseher
kostet zehn Dollar Transportkosten
von Schanghai nach Hamburg. Das ist das
Problem. Betroffen
werden von dieser Entwicklung in ganz Europa einfache und
mittlere Tätigkeiten, besonders solche für Ungelernte.
Deshalb
steigen
Arbeitslöhne hier nicht mehr, deshalb gibt es dort die
höchste
Arbeitslosigkeit. Benachteiligte aus bildungsfernen
Schichten, davon hat Berlin
besonders viele. Es gibt auch
keine Methode, diese Leute vernünftig
einzubeziehen.
Es findet eine fortwährende negative Auslese statt. Das ist
für
die Stadtpolitik von Bedeutung. Ich habe gesagt:
Unsere Bildungspopulation wird
von Generation zu
Generation dümmer. Der Intellekt, den Berlin braucht,
muss
also importiert werden, und er wird auch importiert
werden, wie im New York der
fünfziger Jahre, als es Harlem
mit seiner zunehmenden Hoffnungslosigkeit auf
der einen Seite
gab und das Leben in Midtown und um den Central Park
auf der
anderen Seite.
Eigentlich wäre es
doch plausibel,
dass man im öffentlichen Dienst,
wo die Politik direkten Zugriff hat, versucht,
eine Integrationspolitik
exemplarisch durchzusetzen, indem man im
Polizeidienst, in Justiz-
und Finanzbehörden, in der bürgernahen Verwaltung bis
zu einem
gewissen Grad Zugang schafft für Menschen mit beispielsweise
türkischem Hintergrund. Wir haben den Justizsenat, die Finanz-
verwaltung, den
Innensenat, den Ausländerbeauftragten, die
Gewerkschaft Verdi, den DGB um
Zahlen zu der Frage gebeten,
wie viele Menschen mit ausländischem Hintergrund
in der öffentlichen
Verwaltung tätig sind und wie viele im einfachen, mittleren
und
gehobenen Dienst. Niemand konnte uns die Zahlen geben.
Man hat sie nie
erhoben.
Die Berliner Verwaltung war bei Zahlen noch nie gut.
Das ist doch erstaunlich;
wir
dachten, es musste ein Bewusstsein
davon geben, dass man auch im Sinne
symbolischer Anerkennung
etwas für die Integration leistet.
Das
sehe ich anders. Man muss
aufhören, von „den“ Migranten
zu reden. Wir müssen uns einmal die
unterschiedlichen Migranten-
gruppen anschauen. Die Vietnamesen: Die Eltern
können kaum
Deutsch, verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk.
Die
Vietnamesen der zweiten Generation haben dann durchweg
bessere Schulnoten und
höhere Abiturientenquoten als die
Deutschen. Die Osteuropäer, Ukrainer,
Weißrussen, Polen, Russen
weisen tendenziell dasselbe Ergebnis auf. Sie sind
integrationswillig,
passen sich schnell an und haben überdurchschnittliche
akademische
Erfolge. Die Deutschrussen haben große Probleme in der ersten,
teilweise auch der zweiten Generation, danach läuft es wie am
Schnürchen, weil
sie noch eine altdeutsche Arbeitsauffassung haben.
Sobald
die Sprachhindernisse weg
sind, haben sie höhere Abiturienten-
und Studentenanteile usw. als andere. bei
den Ostasiaten, Chinesen
und Indern ist es dasselbe. Bei den Kerngruppen der
Jugoslawen
sieht man dann schon eher „türkische“ Probleme; absolut abfallend
sind die türkische Gruppe und die Araber. Auch in der dritten
Generation haben
sehr viele keine vernünftigen Deutschkenntnisse,
viele gar keinen
Schulabschluss, und nur ein kleiner Teil schafft es
bis zum Abitur. Jeder, der
integriert werden soll, muss aber durch
unser System hindurch. Er muss zunächst
Deutsch lernen. Die Kinder
müssen Abitur machen. Dann findet die Integration
von alleine statt.
Hinzu kommt das Problem: Je niedriger die Schicht, um so
höher die
Geburtenrate. Die Araber und Türken haben einen zwei- bis dreimal
höheren Anteil an Geburten, als es ihrem Bevölkerungsanteil
entspricht.
Große
Teile sind weder integrationswillig noch integrationsfähig.
Die
Lösung dieses Problems kann
nur heißen: Kein Zuzug mehr, und
wer heiraten will, sollte dies im Ausland tun.
Ständig werden Bräute
nachgeliefert: Das türkische Mädchen hier wird mit einem
Anatolen
verheiratet, der türkische Junge hier bekommt, eine Braut aus
einem
anatolischen Dorf. Bei den Arabern ist es noch schlimmer.
Meine Vorstellung
wäre: generell kein Zuzug mehr außer für
Hochqualifizierte und perspektivisch
keine Transferleistungen
mehr für Einwanderer. In den USA müssen Einwanderer
arbeiten,
weil sie kein Geld bekommen, und werden deshalb viel besser
integriert.
Man
hat Studien zu arabischen
Ausländergruppen aus demselben
Clan gemacht; ein Teil geht nach Schweden mit
unserem Sozialsystem,
ein anderer Teil geht nach Chicago. Dieselbe Sippe ist
nach zwanzig
Jahren in Schweden immer noch frustriert und arbeitslos, in
Chicago
hingegen integriert. Der Druck des Arbeitsmarktes, der Zwang des
Broterwerbs sorgen dafür. Das sind Dinge, die man nur durch
Bundesrecht ändern
kann. Für Berlin ist meine Prognose düster,
was diese Themen betrifft. Aber es
kann in einer Stadt, in der
man prächtig leben kann, gleichzeitig kompakte und
wachsende,
ungelöste Probleme geben. Genauso wird es in Berlin werden.
Sind für das
Scheitern der
Integration nicht beide Seiten verantwortlich?
Oder liegt es nur daran, dass
diese Menschen sich nicht integrieren wollen?
Die
Integration hat Stufen. Die
erste Vorstufe ist, dass man Deutsch lernt,
die zweite, dass man vernünftig
durch die Grundschule kommt, die dritte,
dass man aufs Gymnasium geht, dort
Examen macht und studiert.
Wenn man durch ist, dann braucht man gleiche Chancen
im öffentlichen Dienst.
So ist die Reihenfolge. Es ist ein Skandal, dass die
Mütter der zweiten, dritten
Generation immer noch kein Deutsch können, es
allenfalls die Kinder können,
und die lernen es nicht wirklich. Es ist ein
Skandal, wenn türkische Jungen
nicht auf weibliche Lehrer hören, weil ihre
Kultur so ist.
Integration
ist eine Leistung
dessen, der sich integriert. Jemanden, der
nichts tut, muss ich auch nicht
anerkennen. Ich muss niemanden
anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat
ablehnt, für die Ausbildung
seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig
neue kleine Kopftuch-
mädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der
türkischen und
für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.
Viele
von ihnen
wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben. Zudem pflegen
sie
eine Mentalität, die als gesamtstaatliche Mentalität
aggressiv und
atavistisch ist.
Die Türkei ist das Land, wo man heute noch bestraft wird, wenn
man vom
Völkermord an den Armeniern redet.
Ich
war 1978 zum ersten Mal in
der Türkei, dienstlich mit meinem
damaligen Chef, Herbert Ehrenberg, der
Arbeitsminister war.
Ich war in seinem Stab. Wir kamen von Ankara, fuhren vom
Flughafen rein, vorn saß mein Minister mit dem türkischen
Minister,
ich saß im
Wagen dahinter mit dem türkischen Staatssekretär auf
der Rückbank. Der
Staatssekretär sprach Deutsch und fragte mich,
wie viele Einwohner Deutschland
habe und wie unsere Geburtenraten
seien, und dann sagte er, im Jahre soundso
werden wir Deutschland
an Bevölkerungsgröße überholt haben. Darauf war er
stolz. Das ist
dieselbe Mentalität, die Erdogan dazu verleitet hat, diese Rede
in
der Köln-Arena zu halten, wie er sie gehalten hat.
Die
Türken erobern Deutschland
genauso, wie die Kosovaren
das Kosovo erobert haben: durch eine höhere
Geburtenrate.
Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden
wären
mit
einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen
Bevölkerung.
Ich habe dazu
keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld
zur Integration nicht
akzeptieren, und auch, weil es extrem viel Geld kostet
und wir in den nächsten
Jahrzehnten genügend andere große
Herausforderungen zu bewältigen haben.
Politisch kann man zu einer gelingenden Integration aktiv nichts beitragen?
Man
stößt gegen viele Mauern der
politischen Korrektheit, aber
man merkt, dass der Ton an Deutlichkeit zunimmt,
wir haben noch
nicht verstanden, dass wir ein kleines Volk sind. Wir verstehen
uns
immer noch als ein großes Volk, 1939, als der Zweite Weltkrieg
begann,
hatte Deutschland 79 Millionen Einwohner, die USA 135,
Russland 160 und England
50. Die Proportionen haben sich völlig
verschoben. Wenn von unseren 80
Millionen praktisch dreißig Prozent
im Rentenalter sind, sind wir bereits eine
relativ kleine Bevölkerung.
Wir sind näher an den Holländern und Dänen als an
den USA.
Dass diese kleinen Völker ihre Ausländer heute mit viel
radikaleren
Programmen
als wir forciert integrieren, hat einen guten Grund.
Heute muss man Sprachtests
in den Botschaften machen, davor
darf man gar nicht einreisen. Sie haben spät
angefangen, aber sie
haben wenigstens angefangen. Wenn die Türken sich so
integrieren
würden, dass sie im Schulsystem einen anderen Gruppen
vergleichbaren
Erfolg hätten, würde sich das Thema auswachsen.
Der
vietnamesische Kioskbesitzer
wird immer gebrochen Deutsch
sprechen, weil er erst mit dreißig eingewandert
ist und ungebildet war.
Wenn seine Kinder Abitur machen oder Handwerker werden,
hat
sich die Sache erledigt. Türkische Anwälte, türkische
Ärzte, türkische
Ingenieure werden auch Deutsch sprechen, und dann wird sich der Rest
relativieren. So aber geschieht nichts. Die Berliner meinen immer,
sie hätten
besonders große Ausländeranteile; das ist falsch.
Die
Ausländeranteile von
München, Stuttgart, Köln und Hamburg
sind viel höher. Aber die Ausländer dort
haben einen geringeren
Anteil an Türken und Arabern und mischen sich über
breite Ausländer-
gruppen. Zudem sind die Migranten in den Produktionsprozess
integriert.
Während es bei uns eine breite Unterschicht gibt, die nicht in
Arbeits-
prozesse integriert ist. Doch das Berliner Unterschichtproblem reicht
weit darüber hinaus. Darum bin ich pessimistisch. Wir haben in
Berlin
vierzig
Prozent Unterschichtgeburten, und die füllen die Schulen und
die Klassen,
darunter viele Kinder von Alleinerziehenden.
Wir müssen in der Familienpolitik
völlig umstellen: weg von
Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht.
Ich
erinnere an ein Dossier der
Zeit dazu. Es berichtet von den zwanzig
Tonnen Hammelresten der türkischen
Grillfeste, die die Stadtreinigung
jeden Montagmorgen aus dem Tiergarten
beseitigt - das ist keine Satire.
Der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky
erzählt von einer Araber-
frau, die ihr sechstes Kind bekommt, weil sie durch
Hartz IV damit
Anspruch auf eine größere Wohnung hat. Von diesen Strukturen
müssen
wir uns verabschieden. Man muss davon ausgehen, dass menschliche
Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch
erblich. Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der
intelligenten
Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich
fällt. So kann man
keine nachhaltige Gesellschaft bauen, das geht für ein,
zwei, drei Generationen
gut, dann nicht mehr. Das klingt sehr stammtisch-
nah, aber man kann das
empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen.
„Berlin in Europa“ – wie
ist Berlin
da positioniert? Und welches Schicksal
erwartet die Stadt durch die neue
globale Arbeitsteilung? Wie könnte Berlin
vorausschauend darauf reagieren, dass
auch hochqualifizierte Produkte und
Dienstleistungen zunehmend dem globalen
Wettbewerb ausgesetzt sind und
woanders produziert werden können? Sehr lange
kann es nicht mehr dauern,
bis die Chinesen anspruchsvolle Autos bauen, die mit
BMW oder Audi
konkurrieren können. Erfordert die Dynamik der globalisierten
Märkte
nicht, dass auch eine Stadt wie Berlin versucht, unverwechselbare neue
Konzepte, neue Produkte, neues Know-how zu entwickeln, die nicht so
schnell
universalisierbar sind?
Den
Abbau von Arbeitsplätzen in
der Industrie hat Berlin hinter sich.
Die 95 000 Industriearbeitsplätze, die es
noch gibt, sind relativ stabil;
die gegenwärtige Wirtschaftskrise hat zunächst
Standorte getroffen,
die einen großen Manufakturanteil und hohe Exportquoten
haben.
Berlin ist mehr in der normalen Produktionskette tätig und in der
nachgelagerten Dienstleistungsindustrie, wozu Forschung und
Entwicklung,
Medien, Kanzleien, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sowie die
Politik
und der
politische Verwaltungsapparat zählen. Das federt Berlin etwas ab.
Hinzu kommen
viele positive Ansätze im wissenschaftsnahen High-Tech-Bereich.
Berlin
hat auch eine relativ
starke Position bei alternativen Energien
wie der Solarindustrie. Der Begriff
der „Produktion“ löst sich in
Deutschland tendenziell auf. IBM ist zwar noch
neben Microsoft
die größte Computerfirma, hat aber die physische Produktion
von
Bauelementen fast vollständig aufgegeben. Dennoch bleibt IBM eine
starke Firma,
weil der Dienstleistungsanteil in den Produkten selbst
stetig steigt. Man nimmt
Apple als amerikanische Firma wahr, doch
das physische Produkt wird zu 99
Prozent in Asien produziert.
Wenn 1,3 Milliarden Chinesen genauso intelligent
sind wie die
Deutschen, aber fleißiger und in absehbarer Zeit besser
ausgebildet,
während wir Deutschen immer mehr eine türkische
Mentalität
annehmen,
bekommen wir ein größeres Problem.
Muss Berlin nicht
mittelfristig
darüber nachdenken, wie es
sich neu erfinden kann?
Die
Intelligenz kommt zwar nach
Berlin, aber nicht Politiker
erfinden, was sie hier tut; das entscheidet
sie selbst.
Was war denn der Beitrag des preußischen Ministerpräsidenten
oder
des Reichskanzlers Bismarck dazu, dass die großen Firmen
in Berlin wie AEG,
Borsig, Siemens entstanden sind?
Ein vernünftiges Ausbildungssystem, ein
vernünftiger
Rechtsrahmen, eine vernünftige Infrastruktur, eine
vernünftige
Verwaltung. Das war es, was sie geleistet haben.
An Washington, D. C., kann man
ablese, was ein Regierungs-
standort mit den Jahren bewirken kann; es zieht viele
Forschungs-
zentren an, auch der CIA ist ein großer Arbeitgeber. Allein der
Bundesnachrichtendienst wird 4 000 Mitarbeiter nach Berlin ziehen.
Und baut das teuerste neue
Gebäude
überhaupt in Berlin;
man spricht von annähernd einer Milliarde Euro.
Über
die Hauptstadtfunktion
kommen eine Menge Arbeitsplätze
zusammen. In Bonn machte diese Funktion etwa 25
000 Beamte
und den dazugehörigen Apparat aus. Das Hauptstadtelement in
Berlin
heute mit seinen Anlagerungen bis zum Catererdienst, der
bei Empfängen Häppchen
anliefert, würde für eine Stadt von
300 000 bis 500 000 Einwohnern ausreichen,
mehr nicht.
Weiteres, wie Wissenschaft, muss hinzukommen. Berlin bietet
von der
Infrastruktur her Raum für 4,5 Millionen, so ist es einmal
konzipiert und
gebaut worden. Für die Entwicklung von Berlin
wird die Bundesebene eine
gewaltige Rolle spielen, das ist klar.
Für die Entwicklung von Berlin als Stadt
kommen Medien,
Unternehmen, Wissenschaft usw. hinzu. Daneben spielt die
Stadtverwaltung
selbst eine begrenzte Rolle, am meisten in der
Bildungs- und
Wissenschaftspolitik. Der Rest sind Dienstleistungs-
funktionen, Innenverwaltung,
Finanzverwaltung, Justizverwaltung,
Sozialämter – alles, was man braucht, um
die Stadt zu verwalten.
Hauptstadt und Stadt
beeinflussen
sich, aber die Stadt kann
von der Hauptstadtfunktion alleine nicht leben.
Erstaunlich ist,
dass diese beiden Entitäten heute weitgehend nebeneinander
her
leben. Ein Elitewechsel hat in der politischen Klasse der
Stadt Berlin noch
nicht stattgefunden. Die Parteienlandschaft
und diejenigen, die eigentlich
entscheiden über Planungen und
Karrieren in der Stadt selbst, sind doch trotz
eines gewissen
Personalaustauschs annähernd identisch geblieben. Es ist fast
beängstigend, wie sehr diese Parteiapparate sich hermetisch
abriegeln gegen das
Eindringen westdeutscher Persönlichkeiten
und Erfahrungen. Es fällt auf, wie
viele Personen, die nicht
gerade durch bahnbrechende Modernisierungsimpulse
aufgefallen
sind, eine große Rolle in der Stadt spielen. Werden in Berlin
nicht
immer noch die alten Filetstücke benagt?
Schauen
Sie sich das Personal
auf Landesebene in Hessen oder
in Nordrhein-Westfalen an. Ich halte das auch
nicht für allzu
eindrucksvoll. Wenn bedeutende Figuren in Erscheinung treten,
können sie durchaus einen unterschied ausmachen. Biedenkopf
mit seiner
geistigen Breite für Sachsen hat einen gewaltigen
Unterschied gemacht, Strauß
und selbst Stoiber haben für Bayern
einen Unterschied ausgemacht. Wo das nicht
so ist, bricht aber
auch nichts zusammen. Rüttgers wird nicht zu einer
historischen
Figur in Nordrhein-Westfalen werden, er wird aber auch keinen
allzu großen Schaden anrichten.
Zusammenbrechen wird
nichts, aber
bleiben latente Möglichkeiten
nicht unrealisiert?
Wäre
Wowereit eine Mischung aus
Kurt Biedenkopf,
Willy Brandt und Freiherr von und zu Guttenberg,
könnte er
natürlich mehr für die Stadt bewirken.
Wenn der Regierende
Bürgermeister
proklamiert, Berlin
sei die Stadt des Wissens, und dann nicht zur historischen
Wiedereröffnung der Akademie der Künste kommt, statt
dessen lieber zu einem
Spiel von Hertha BSC geht, ist das
ein Zeichen, das nicht gut ankommt. Lebt da
ein Oberbürger-
meister seine persönlichen Idiosynkrasien aus? Warum hat
Berlin
nicht versucht zu sagen: Wir als Stadt strengen uns an,
die wegweisenden
Erfahrungen aus anderen Hauptstädten
und Metropolen so aufzunehmen, dass wir
Fehler, die andere
Städte gemacht haben, nicht mehr machen müssen?
Wir sammeln
das Beste und vermeiden die bekannten Fehler?
Im
Unterschied zu Rem Koolhaas
meine ich, dass Hans
Stimmann mit seiner rigiden Stadtbaupolitik für Berlin ein
absoluter Triumph war. Insbesondere ist das ein ästhetisches
Urteil, weil die
moderne Architektur zu achtzig Prozent aus
funktionalen und ästhetischen
Irrtümern besteht. Und weil man
sich, wenn man eine Stadt zügig wieder aufbaut,
am besten an
den herkömmlichen Stadtgrundriss hält. Frankfurt, Hannover,
Köln
sind katastrophale Beispiele, wo man es anders gemacht
hat und es besser wissen
wollte nach dem Krieg. Insoweit war
die Rekonstruktionspolitik eine richtige
Sache. Das hat Stimmann
mit Energie gemacht, und weil die Berliner Politik von
der Grund-
struktur her sehr indolent ist (seine Indolenz ist das schöne an
Berlin), konnte ein leicht verhaltensgestörter Senatsbaudirektor
wie Hans
Stimmann architektonisch letztlich machen, was er wollte.
Das
einzelne Haus hätte in
vielen Fällen besser werden können,
aber dass der Stadtgrundriss
wiederherstellt, dass bis zu einer
Traufhöhe gebaut wird und das der einzelne
Irrtum vernünftig
eingerahmt ist, das ist gut. Die Architektur am Leipziger
Platz ist
Mittelmaß, der Platz als solcher ist es nicht, wenn er fertig
ist.
Der alte städtische Platz ist wieder da. Berlin müsste Stadt
der
Intellektuellen und der Elite sein, aber die Stadt in ihren politischen
Strömungen ist nicht elitär aufgestellt, sondern in ihrer
Gesinnung
eher
plebejisch und kleinbürgerlich.
Hätte man auf der
Ebene der
Verwaltung oder auf der Ebene
beispielsweise der Transportsysteme, der
energetischen Gebäud-
esanierung der Stadt nicht mehr an Modernisierung leisten
müssen?
Das
öffentliche
Nahverkehrssystem von Berlin ist im weltweiten
Vergleich hervorragend, mit
einem Nahverkehrsanteil wie nirgendwo sonst…
…und den langsamsten
Fahrkartenautomaten der Welt. Diese sind auch
nicht touristenfreundlich, die
komplizierten Menüs sind nur auf Deutsch
zu lesen. An verkehrsbehindernden
Baustellen wird im Schneckentempo
gearbeitet; wenn die Polizei Absperrungen
vornimmt, stürzt sie die
Verkehrsführung ins Chaos. Auf einen internationalen
Führerschein
muss man monatelange warten; Zuständigkeiten sind oft selbst
Mitarbeitern der Verwaltung nicht bekannt; in Parks liegen Spritzen
und
Plastiktüten herum. Im Gropiusbau gibt es eine schöne
Ausstellung
über das
Bauhaus mit vielen Besuchern. Wenn man aus dem Museum
kommt, liegt die Straße
zwischen den renovierten Gebäuden des
Preußischen Landtags und des Gropiusbaus
voller Flaschen und
Abfällen, weil die Mülleimer so klein sind, dass sie
überquellen.
Das
sind die Organisationsmängel
der Stadtreinigung, und dazu
gehören auch die zwanzig Tonnen Hammelbeine aus
dem Tiergarten.
Die Berliner Verwaltung ist keine gute Verwaltung, auch wenn
sie
etwas besser geworden ist, weil sie kontinuierlich kleiner wurde.
Das war
ein Beitrag zur Qualitätssteigerung. Die Berliner haben vor
allem keine gute
Auswahl an Führungskräften, wie sie sie zu schlecht
bezahlen.
Eine Verwaltungsreform braucht man also nicht.
Wenn
ich vernünftige leitende
Kader habe und eine Verwaltung
klein halte, läuft der Rest von selbst. Die
Finanzverwaltung hat
funktioniert. In vielen Bereichen der Stadtverwaltung
wurde es
in dem Maße besser, in dem wir Personalüberhänge
beseitigt haben.
Man
muss von oben Kaderpolitik machen und sich um den Laden
kümmern, kümmern,
kümmern. Es helfen keine abstrakten Rezepte.
Es hilft nur eine gute
Personalauswahl. Aber man bekommt keinen
Abteilungsleiter, keinen Amtsleiter
und keinen Staatssekretär aus
Westdeutschland nach Berlin, weil wir zu schlecht
bezahlen, was
vom Berliner Sozialneidfaktor abhängt. Innere Strukturen finden
und regeln sich. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her. Wenn ich
Regierender
Bürgermeister wäre, würde ich erst mal dafür
sorgen,
dass der Senat vernünftig
bezahlt wird. Ich bin ja nur Senator
geworden, weil Mehdorn mich gerade an die frische
Luft gesetzt
hatte. Das hatte Wowereit gehört, mich angerufen, so bin ich
Senator geworden. Der Senat wird schlecht bezahlt, und er hat
unattraktive
Pensionsregelungen. So kann man keine guten Leute
von außen in die Stadt
ziehen.
Wenn Sie weniger an harte
Empirie
denken und daran, was unter
optimalen Bedingungen erreichbar wäre: Welchen
Traum hätten
Sie von Berlin?
Ich
würde aus Berlin eine Stadt
der Elite machen. Das würde
voraussetzen, dass unsere Massenuniversitäten nicht
weiterhin
massenhaft Betriebs- oder Volkswirte, Germanisten, Soziologen
ausbilden, sondern konsequent Qualität anstreben. Die Zahl der
Studenten sollte
gesenkt werden, und nur noch die Besten sollten
aufgenommen werden. Dazu müssen
wie die Universitäten von
Massenbewältigung auf Qualität umtrimmen, das kostet
Geld und
Kapazität, aber es würde talentierte und hochmotivierte
Studenten
in
die Stadt bringen. Das bedeutet, Ausgaben umzuschichten.
Es gibt überhaupt
keinen Grund dafür, dass Berlin die Ausbildungs-
stätte ganz Deutschlands bleiben
muss. Berlin sollte für die Besten
attraktiv sein, und da viele zu uns kommen
wollen, gibt es auch
einen Ansatzpunkt. Ich würde auch im Berliner
Bildungssystem
andere Akzente setzen.
Die
Schulen müssen von unten
nach oben anders gestaltet werden.
Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu
vermitteln, dass sie ebenso
gerne woanders nichts leisten sollten. Ich würde
einen völlig anderen
Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann
und anstrebt,
ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen. Wenn der
Bürger-
meister in zehn öffentlichen Reden über die Zukunft der Stadt
philosophiert
und in diesem Zusammenhang die akademischen Leistungen der
Vietnamesen, Araber und Türken einmal öffentlich vergleicht,
dann würde etwas
geschehen. Dann würde klar, dass man eine
Stadt der Elite möchte und nicht eine
„Hauptstadt der Transferleistungen“.
Die Medien sind orientiert auf die soziale
Problematik, aber türkische
Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben. An
der Mentalität in
der Stadt muss sich etwas ändern.
Die Medien können Sie
für eine
solche Elitekonzeption nicht
als Partner gewinnen?
Die
Medien lieben es, wenn Krach
ist. Das finden sie toll, und wenn
es unterhaltsam ist, auch. Wenn man beides
bietet und den Eindruck
erweckt, dass man seine Sache versteht, bekommt man mit
der Zeit
auch für kontroverse Stellungnahmen eine relativ hohe mediale
Zustimmung. Politik wirkt in erster Linie durch das öffentliche
Wort,
durch die
öffentliche Darstellung. Man muss Inhalte diskutieren, und
um in Inhalte zu gehen,
braucht man keine Stäbe, sondern man muss
Akzente setzen und einen politischen
Prozess starten. Helmut Schmidt
brauchte für seine Weltwirtschaftsopern, mit
denen er Deutschland
jahrelang traktiert hat, keine großen Stäbe, sondern Egon
Bahr.
Er benötigte Redetalent und einen Mann, der einem einmal etwas
aufschreibt und mit dem man diskutieren kann. Mehr nicht.
Auch
Resonanz zu bekommen geht
schnell, wenn man es intelligent
anfängt. Und wenn man Eliten gezielt
anspricht, was keiner tut.
In meinen letzten Monaten als Senator habe ich einen
Sonder-
forschungsbereich an der TU besucht. Der Sonderforschungs-
bereich MATHEON
fasst die mathematischen Kapazitäten von
FU, HU und TU zusammen. Dort arbeiten
Mathematiker, Physiker
und Chemiker. Ich habe mich zwei Stunden mit meiner
Halbbildung
bemüht, zu verstehen, worum es geht. Als ich den Professor, der
mich rausgeleitete, nach den Durchfallquoten der Ingenieurstudenten
in
Mathematik fragte, sagte er: „In Berlin werfen fünfzig Prozent das
Handtuch.
Hier sind eben nicht die Eliten, sondern die, die nach Berlin
gegangen sind,
weil sie die Unterhaltung suchen.“ „In Chemnitz“, sagte er,
„haben wir achtzig
Prozent durchgezogen.“ An diese Dinge muss man
rangehen. Wir brauchen Klasse
statt Masse."
9.10.2009