Das war Ostberlin. Westberlin war von
dynamischer Wirtschaft
weitgehend
entleert, es gab Ausnahmen wie Schering und den Siemens-Turbinenbau,
doch die Schicht der Spitzenmanager war verschwunden, die Topentwickler
der
Unternehmen waren weg, es gab vor allem verlängerte
Werkbänke, die
von üppigen
Subventionen lebten. Das hatte Folgen für die
Bevölkerungsstruktur.
(...) Auch
der immense jüdische Aderlaß konnte nie kompensiert werden.
Die Vernichtung und Vertreibung der Juden aus dem deutschsprachigen
Raum
insgesamt betraf zu sechzig bis siebzig Prozent Berlin und Wien. Dazu
kam
der
Weggang des klassischen leistungsorientierten Bürgertums. (...)
Die
wirtschaftliche Leistungselite – Industrie, Verlage, Medien – hat
Berlin
verlassen. Von Kunst und Kultur ist manches geblieben. (...) Es kamen
die
Achtundsechziger und alle, die Berlin eher als Lebensplattform suchten.
Menschen, die gerne beruflich aktiv waren, wurden ersetzt durch solche,
die
gerne lebten. Dieser Austausch führte zu einer gewissen
Stagnation.
Für den Erfolg der Berliner Politik war es wichtiger, in Bonn zu
anticham-
brieren, als die Kräfte der Stadt zu stärken. (...) Diese
subventionsverwöhnte
Politikerklasse war noch am Ruder, als 1991 die Subventionen
rapide
einbrachen. (...) Die Berliner verstanden die Zeichen der Zeit nicht
und
haben weitergewirtschaftet wie zuvor. So sind sie von einem
Schuldenstand,
der
niedriger war als der in Bayern, in zehn Jahren auf einen
Weltrekord-
schuldenstand geraten. (...) Man hat den Kopf in die Wolken gesteckt,
reichlich öffentliches Geld genossen und lebte nicht auf dem Boden
der
Tatsachen.
Die Drehscheibenfunktion zwischen Ost und West wurde nicht von Berlin
übernommen, sondern von Wien. (...) Wien war eine dynamische
Stadt,
die sich am
kapitalistischen Markt behaupten mußte, in Berlin saß ein
verfetteter
Subventionsempfänger, der durch Entzugsschmerzen erst
wieder an die
Wirklichkeit gewöhnt werden mußte. So etwas kann sich
nur durch einen
Bevölkerungsaustausch vollziehen, man ändert ja
niemanden. Wenn sich in Berlin
etwas ändert, dann dadurch, daß
Generationen auswachsen. (...)
Durch die Hauptstadtentscheidung für Berlin haben sich politische,
kulturelle
und soziologische, nicht aber ökonomische Gewichte
verschoben. Dieser Prozeß
wird von der Politik angeführt, und es
ist eine tektonische Verschiebung im
Gange (...) Wenn ein Minister-
präsident etwas verkündet, tut er das nicht in
einer prachtvollen Stadt
in Baden-Württemberg oder in seiner prachtvollen
Staatskanzlei,
sondern in Berlin, denn hier verfügt er über einen
Resonanzboden.
Die Deutschen hatten immer schon eine stärkere zentralstaatliche
Gesinnung, als ihre Politiker glauben wollten. 1871 macht das klar.
Die Stadt hat einen produktiven Kreislauf von Menschen, die Arbeit
haben und
gebraucht werden, ob es Verwaltungsbeamte sind oder
Ministerialbeamte. Daneben
hat sie einen Teil von Menschen, etwa
zwanzig Prozent der Bevölkerung, die
nicht ökonomisch gebraucht
werden, zwanzig Prozent leben von Hartz IV und Transfer-
einkommen;
bundesweit sind es nur acht bis zehn Prozent.
Dieser Teil muss sich auswachsen.
Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren
Anzahl durch
falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive
Funktion, außer für den
Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich
vermutlich auch keine Perspektive
entwickeln. Das gilt auch für einen
Teil der deutschen Unterschicht, die einmal
in den subventionierten
Betrieben Spulen gedreht oder Zigarettenmaschinen
bedient hat.
Diese Jobs gibt es nicht mehr. Berlin hat wirtschaftlich ein
Problem
mit der Größe der vorhandenen Bevölkerung.
Berlin wird niemals von den Berlinern gerettet werden können.
Wir haben ein
schlechtes Schulsystem, das nicht besser werden wird.
Berlin ist belastet von
zwei Komponenten: der Achtundsechzigertradition
und dem Westberliner
Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, daß
vierzig Prozent aller Geburten in
der Unterschicht stattfinden. (...)
So daß das Niveau an den Schulen
kontinuierlich sinkt, anstatt zu
steigen. (...)
Unten wird der Arbeitslohn im Prinzip gesetzt von den vielen
fleißigen
asiatischen Arbeitern (...) . Das ist das Problem. Betroffen werden
von dieser
Entwicklung in ganz Europa einfache und mittlere Tätigkeiten,
besonders solche
für Ungelernte. Deshalb steigen Arbeitslöhne hier nicht
mehr, deshalb gibt es
dort die höchste Arbeitslosigkeit. Benachteiligte aus
bildungsfernen Schichten
– davon hat Berlin besonders viele.
Es gibt auch keine Methode, diese Leute
vernünftig einzubeziehen.
Es findet eine fortwährend negative Auslese statt.
Unsere Bildungspopulation wird von Generation zu Generation
dümmer.
Der
Intellekt, den Berlin braucht, muß also importiert werden (...).
Die Berliner Verwaltung war bei Zahlen noch nie gut. (...) Wir
müssen
uns
einmal die unterschiedlichen Migrantengruppen anschauen.
Die Vietnamesen: Die
Eltern können kaum Deutsch, verkaufen Zigaretten
oder haben einen Kisok. Die
Vietnamesen der zweiten Generation haben
dann durchweg bessere Schulnoten und
höhere Abiturientenquoten als
die Deutschen. Die Osteuropäer, Ukrainer,
Weißrussen, Polen, Russen
weisen tendenziell dasselbe Ergebnis auf.
Die Deutschrussen haben große Probleme in der ersten, teilweise
auch
der
zweiten Generation, danach läuft es wie am Schnürchen, weil
sie
noch eine
altdeutsche Arbeitsauffassung haben. (...) Die Kinder müssen
Abitur machen.
Dann findet die Integration von alleine statt.
Hinzu kommt das Problem: Je niedriger die Schicht, um so höher die
Geburtenrate. Die Araber und Türken haben einen zwei- bis dreimal
höheren
Anteil an Geburten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.
Große Teile
sind weder integrationswillig noch integrationsfähig.
Die Lösung dieses
Problems kann nur heißen: Kein Zuzug mehr,
und wer heiraten will, sollte dies
im Ausland tun. Ständig werden
Bräute nachgeliefert: Das türkische Mädchen hier
wird mit einem
Anatolen verheiratet, der türkische Junge hier bekommt eine
Braut
aus einem anatolischen Dorf.
Bei den Arabern ist es noch schlimmer. Meine Vorstellung wäre:
generell kein
Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch
keine
Transferleitungen mehr für Einwanderer. In den USA müssen
Einwanderer arbeiten,
weil sie kein Geld bekommen, und werden
deshalb viel besser integriert. (...)
Der Druck des Arbeitsmarktes ,
der Zwang des Broterwerbs sorgen dafür. (...)
Es ist ein Skandal, daß die Mütter der zweiten, dritten
Generation
immer noch
kein Deutsch können, es allenfalls die Kinder können,
und die lernen es nicht
wirklich (...) Ich muß niemanden anerkennen,
der vom Staat lebt, diesen Staat
ablehnt, für die Ausbildung seiner
Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig
neue kleine Kopftuch-
mädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der
türkischen
und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.
Viele
von ihnen wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben.
Zudem pflegen
sie eine Mentalität, die als gesamtstaatliche Mentalität
aggressiv und
atavistisch macht. (...)
Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren
das Kosovo erobert
haben: durch eine höhere Geburtenrate.
Das würde mir gefallen, wenn es
osteuropäische Juden wären
mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der
deutschen
Bevölkerung. (...) Wenn die Türken sich so integrieren
würden,
daß
sie im Schulsystem einen anderen Gruppen vergleichbaren
Erfolg hätten, würde
sich das Thema auswachsen. (...)
Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtengeburten,
und die füllen die
Schulen und die Klassen, darunter viele Kinder
von Alleinerziehenden. Wir
müssen in der Familienpolitik völlig
umstellen: weg von Transferleistungen, vor
allem bei der Unterschicht. (...)
Man muß davon ausgehen, daß menschliche
Begabung zu einem Teil
sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch
erblich. Der Weg,
den wir gehen, führt dazu, daß der Anteil der intelligenten
Leistungs-
träger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.
Wenn 1,3 Milliarden Chinesen genauso intelligent sind wie die
Deutschen, aber
fleißiger und in absehbarer Zeit besser ausgebildet,
während wir Deutschen
immer mehr eine türkische Mentalität
annehmen, bekommen wir ein größeres
Problem. (...)
Schauen Sie sich das Personal auf Landesebene in Hessen oder
Nordrhein-Westfalen an. Ich halte das auch nicht für
eindrucksvoll.
Wenn
bedeutende Figuren in Erscheinung treten, können sie durchaus
einen Unterschied
ausmachen.
Berlin müßte Stadt der Intellektuellen und der Elite sein,
aber
die Stadt in
ihren politischen Strömungen ist nicht elitär aufgestellt,
sondern in ihrer
Gesinnung eher plebejisch und kleinbürgerlich. (...)
Die Berliner Verwaltung
ist keine gute Verwaltung, auch wenn sie
etwas besser geworden ist, weil sie
kontinuierlich kleiner wurde.
Wenn ich vernünftig leitende Kader habe
und eine Verwaltung
klein halte, läuft
der Rest von selbst. Die Finanzverwaltung hat
funktioniert, indem wir
Personalüberhänge beseitigt haben.
Man muß von oben Kaderpolitik machen und
sich um den
Laden kümmern, kümmern, kümmern. (...) Innere Strukturen
finden und
regeln sich. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her. (...)
Ich würde aus Berlin
eine Stadt der Elite machen. Das würde
voraussetzen, daß unsere
Massenuniversitäten nicht weiterhin
massenhaft Betriebs- oder Volkswirte,
Germanisten, Soziologen
ausbilden, sondern konsequent Qualität anstreben. Die
Zahl der
Studenten sollte gesenkt, und nur noch die Besten sollten
aufgenommen
werden.
Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestaltet werden.
Dazu gehört,
den Nichtleistungsträgern zu vermitteln, daß sie ebenso
gerne woanders nichts
leisten sollten. (...) Die Medien sind orientiert
auf die soziale Problematik,
aber türkische Wärmestuben können
die Stadt nicht vorantreiben. (...) Die
Medien lieben es, wenn Krach ist.
Das finden sie toll, und wenn es unterhaltsam
ist auch. Wenn man
beides bietet und den Eindruck erweckt, daß man seine
Sache versteht,
bekommt man mit der Zeit auch für kontroverse Stellungnahmen
eine relativ hohe mediale Zustimmung. Politik wirkt in erster Linie
durch das
öffentliche Wort, durch die öffentliche Darstellung.
Man muß Inhalte
diskutieren, und um in Inhalte zu gehen,
braucht man keine Stäbe, sondern man
muß Akzente setzen
und einen politischen Prozeß starten."
Sloterdijk wirft Sarrazin-Kritikern Opportunismus vor
Der
Philosoph Peter Sloterdijk wirft den Kritikern des Bundesbank-
Vorstands Thilo Sarrazin (SPD) Opportunismus vor. „ Man möchte
meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen
Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede
Abweichung
von den Käfigstandards keifen und hetzen“, sagte Sloterdijk
dem Magazin „Cicero“ (Novemberausgabe). Weil Sarrazin so
unvorsichtig gewesen sei, auf die „unleugbar vorhandene
Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus
in Berlin hinzuweisen“, sei „die ganze Szene der deutschen
Berufsempörer“ auf die Barrikaden gegangen.
Dabei gehe
es zu, „als gelte es, einen Wettbewerb in Empörungs-
darstellung zu gewinnen“. Auch Bundesbank-Chef Axel Weber habe
sich „gegen die Epidemie des Opportunismus als nicht immun“
erwiesen. Der Fall zeige, „wie tief bei uns der Sprachkarren
im Dreck steckt“.
8./9/20.10.2009