Professor Wehler lehrte
Geschichte an den Universitäten FU Berlin, in Amerika
an den Universitäten Harvard, Princeton, Stanford, Yale und zuletzt in
Bielefeld:
siehe auch seine persönliche
Internetseite (bitte klicken!)
Die Türkei soll draußen bleiben
90 Millionen
Muslime, wachsender
Islamismus:
Darauf kann die EU verzichten / Von Hans-Ulrich Wehler
Die Kopenhagener
Konferenz von 2002 hat den trügerischen Eindruck erzeugt,
dass in der
Frage des türkischen Beitritts zur EU Zeit gewonnen worden sei.
Tatsächlich ist aber erstmals ein Termin für Verhandlungen – 2005 –
zugesagt worden,
wenn denn bis Ende 2004 die Aufnahmekriterien –
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit,
Marktwirtschaft – überzeugend erfüllt
sind. Wie auch immer diese Prüfung ausfällt:
Was spricht unverändert
gegen den politischen Masochismus,
einen kleinasiatischen Großstaat mit
(bis 2010) 90 Millionen Muslimen,
unter denen der Islamismus rapide
vordringt, als größtes Mitglied
in die EU aufzunehmen?
Die
Europäer haben es in den vergangenen 50 Jahren peinlich vermieden,
die
Grenzen Europas zu definieren. Das historische Europa und die Türkei
gehören jedoch zwei denkbar unterschiedlichen Kulturkreisen an,
die
durch tiefe Gräben getrennt sind. Über sie kann man sich nicht
blindlings
hinwegsetzen. Tritt die Türkei der EU bei, gewinnt eine
derart aufgeblähte Union
außerdem neue Grenzen nach Osten, wo es so
charmante Nachbarn wie
die Diktatur in Syrien, den chaotischen Irak,
die Theokratie der Mullahs in Iran
und zwei erodierende Staaten wie
Armenien und Georgien gibt.
Wie kann man sie sich freiwillig wählen?
Wer wird sich das explosive
Kurdenproblem freiwillig aufladen? Wie
einschneidend die kulturelle Grenze ist,
erkennt man auch daran, dass
die türkische Politik und Geschichtsschreibung bis
heute den
genozidähnlichen Massenmord an 1,5 Millionen christlichen
Armeniern
(1915/16) leugnet, möglichst stillschweigend auch über
den Massenmord
und die Vertreibung von 1,5 Millionen orthodoxen
Griechen fünf Jahre
später hinweggeht. Entspricht dieses Totschweigen
der angestrebten
Zugehörigkeit zur europäischen Wertegemeinschaft?
Wie tief die
Türkei trotz ihres neurotischen Drängens, als europäisch
anerkannt zu
werden, von Europa getrennt ist, ist auch daraus ersichtlich,
dass der
Islamismus seit den 80er Jahren offenbar unaufhaltsam vordringt.
Den
ersten islamistischen Ministerpräsidenten, Erbakan, hat das Militär
noch kurzerhand abgesetzt. Seine „Wohlfahrtspartei“ ist kosmetisch
in
die „Gerechtigkeitspartei“ Erdogans umgewandelt worden, der praktisch
eine Einparteienherrschaft ausüben wird. Warum gibt man ihm zur Zeit
einen derart naiven Vertrauensvorschuss?
Die ökonomischen
Probleme können nur abschrecken. Die türkische Wirtschaft,
weit
entfernt von einer funktionstüchtigen Marktwirtschaft, erreicht nur
20
Prozent des europäischen Durchschnitts. 2002 ist sie zudem um
volle
zehn Prozent geschrumpft. Nach extrem vorsichtigen Schätzungen
benötigte die Türkei nach einem Beitritt jährlich
mindestens 40
Milliarden Euro an Zuschüssen.
Die unvermeidbare Freizügigkeit
hätte auf längere Sicht fatale Folgen.
Zur Zeit gibt es (mit den
Auslandstürken) 75 Millionen Türken.
Jahrzehntelang lag die
demographische Wachstumsrate bei 3,5 Prozent.
Selbst wenn man bis 2010
nur 2,5 Prozent annimmt, kommt man
auf 90 Millionen Türken. Die
Bundesrepublik hat zwischen
1950 und 2000 die relativ höchste
Zuwanderungsrate der Welt,
mit der die Politik, die Kirchen, die
Gewerkschaften bisher
bravourös fertig geworden sind. Kommen aber noch
einmal
drei Millionen in unsere Städte, werden alle Sehnen überdehnt,
und die ohnehin gefährdete Integration der bisher
anwesenden Türken
wäre zum Scheitern verurteilt.
(Aus dem Berliner "Tagesspiegel", 27.06.2003 )