Türkei
Seyla Benhabib (türk. Professorin
der amerik. Yale-Universität)
vertraut
auf das türkische Bürgertum - ich nicht.
Von
Necla Kelek
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Ende September, so berichtet die Zeitung Taraf , wurden 18 Frauen
und
drei
Kinder von der Gendarmerie
beim Gebet in einer orthodoxen Kirche festgenommen,
weil kurz zuvor der Priester im Ornat vor der Kirche
Bonbons und Bibeln
verteilt hatte. Für das Tragen von religiöser Kleidung in der
Öffentlichkeit
wurde der
Priester mit umgerechnet 70 Euro bestraft, mehr als ein halber
Monatslohn. Frauen, die die religiöse Kleidung
Tschador oder Türban tragen,
gelten hingegen als schützenswert. Verfassungstext und
Verfassungswirklichkeit
sind in der Türkei zwei paar Schuhe. Für
Yabanci -
"Fremde", und dazu
zählen auch türkische Staatsbürger mit
anderer Religion oder Ethnien wie
Christen, Aleviten oder Armenier - gelten Freiheiten und Rechte eben
nicht.
Vor
dem Gesetz sind
Männer und
Frauen gleich, dennoch werden Frauen systematisch diskriminiert.
Natürlich
sollte es jeder erwachsenen Frau selbst überlassen bleiben, ob sie
sich
verhüllt oder ihren Bauchnabel zeigt.
Wenn die Verschleierung denn eine Frage
des Geschmacks und der Mode wäre und die Frau damit glaubt,
ihre Identität und
Intimität zu wahren, soll sie es tun. So ist es aber nicht. Für
die AKP und
jene Frauen
ist das Kopftuch ihre Fahne, mit der sie politisch die Flagge des
Islam zeigen und die gesellschaft-
liche Norm bestimmen wollen.
Wer genau hinschaut, wird feststellen, dass sich die
Türkei
seit der
AKP-Regierung zu einem Land entwickelt,
in dem die islamische Lebensweise das
alltägliche Leben zunehmend beherrscht. Es geht nicht mehr
darum,
ob ein
Mädchen mit Kopftuch zur Uni kann, sondern darum, ob sie auf dem
Land oder in
der Stadt ohne Kopf-
tuch auf die Straße kann, ohne belästigt oder beschimpft zu
werden. Das ist ein schleichender, sich verstärken-
der Prozess, der Anfang der
fünfziger Jahre mit Adnan Menderes begann, der u.a. den von
Atatürk
abgeschafften
Muezzin-Ruf wieder erlaubte bis hin zur jetzigen Regierung, die
das gesamte öffentliche Leben und den Staats-
haushalt in den Dienst ihrer
religiösen Mission stellt. Die staatliche Religionsbehörde,
Diyanet, von den Republik-
gründern
als Kontrollbehörde über die Religion konzipiert, ist
inzwischen zu einer
Missionsbehörde mit einem
Etat von fast einer Milliarde Euro geworden. Sie
definiert den sunnitischen Staatsislam, organisiert und finanziert
ihn und hebt
die Trennung von Staat und Religion faktisch auf. Es gibt in der
Türkei weder
Freiheit von der
Religion noch positive Religionsfreiheit - außer für die
sunnitischen Muslime. Die Aleviten, die Christen,
die Aramäer, Juden werden
diskriminiert und in ihren Riten behindert und bedroht.
Es kann kein Fortschritt sein, wenn eine Gesellschaft mehr
Prediger als
Hochschullehrer beschäftigt, mehr
Moscheen als Schulen baut. Der Fortschritt
einer Gesellschaft misst sich für mich besonders an der Stellung
der Frau.
1990, also Jahre vor dem Regierungsantritt Erdogans, war jede dritte
türkische
Frau erwerbstätig.
Heute, nach acht Jahren AKP-Politik, ist es nur noch jede
vierte, Tendenz fallend. Das ist bewusste AKP-Politik:
die Frauen aus der
Öffentlichkeit zu verbannen, um sie wieder auf dem Feld und im
Haus für den
Mann
arbeiten zu lassen. Diese "vertikale Trennung" der Gesellschaft
in Männer in der Öffentlichkeit und Frauen
als deren Besitz, ist das
Gesellschaftsmodell, das den muslimischen Männern als Ideal
vorschwebt und
das
die Politik umzusetzen sucht.
Das war in der Türkei einmal anders, und das ist für
mich ein
wahrer
Rückschritt. Dazu gehört auch, dass es
dem türkischen Staat seit Jahren nicht
gelingt, das Verfassungsrecht auf Schulbesuch von jungen Mädchen
zu
gewährleisten und die Frauen vor den "Verbrechen im Namen der
Ehre"
zu schützen. 25 Prozent der
jungen Frauen können deshalb weder schreiben noch
lesen, 600 000 schulpflichtige Kinder gehen nach
Schätzungen der UNESCO nicht
zur Schule und über 5000 Frauen und Mädchen wurden in den
letzten
zehn Jahren
nach Polizeischätzungen aus Gründen der "Ehre" umgebracht
oder in den
Tod getrieben.
Ob eine Gesellschaft und ihre politischen Vertreter in der Lage
sind, Verantwortung zu übernehmen und
alles dafür tun, diese Probleme zu lösen,
das ist für mich ein Fortschrittskriterium - und nicht - wie Seyla
Benhabib
mutmaßt, dass nach dem Fall des Kopftuchverbots rein theoretisch
ein Student
mit der
jüdischen Kippa zur Vorlesung gehen könnte.
Es tut mir leid, wenn ich darauf bestehen muss: Der von Seyla Benhabib
ausgemachte theoretische
Fortschrittmanifestiert sich im Leben als
gesellschaftlicher Rückschritt. Benhabib setzt ihre Hoffnung
auf die
bürgerliche Gesellschaft, die mit Nationalismus und dem
politischen Islam
fertig werden wird.
Aber wie und wer, sagt sie nicht, sondern will uns glauben
machen, die Türkei sei in einem Diskussions-
prozess über ihre Vergangenheit und
ihre emotionale Verfasstheit. Das ist meiner Beobachtung nach
auf eine
universitäre Minderheit beschränkt; es ist der Blick einer
Außenstehenden. Die
Mehrheit ist
der Auffassung ihres Präsidenten Gül, der anlässlich der
Armenierdebatte sagte: "Wir sind mit der
Geschichte im Reinen."
Diejenigen, die eine andere Türkei verkörpern, leben
gefährlich, denn leider
haben die Türken eine
fatale Neigung, sich ihrer besten Hoffnungen selbst zu
berauben. Einer, der die Hoffnung auf eine
demokratische Türkei verkörperte,
wurde 2007 von Nationalisten ermordet. Er heißt Hrant Dink
und war ein großer
Türke, ein wahrer Demokrat - und Armenier. Er war der Fortschritt.
Necla Kelek ist Soziologin und hat soeben ihr Buch
"Bittersüße Heimat -
Bericht aus dem
Inneren der Türkei" bei Kiepenheuer & Witsch
veröffentlicht.
Beitrag
aus der „Frankfurter
Rundschau“ vom 6. September 2008