Zeitungsinterview mit Peter Scholl-Latour
Herr
Professor
Scholl-Latour, Rußland hat unter Präsident Putin einen
ungeahnten
Wiederaufstieg erlebt. Was ist sein Geheimnis?
Scholl-Latour: Putin hat auch Glück gehabt, die
Gas- und
Ölpreise sind phänomenal in die Höhe gegangen. Damit hat
Moskau wieder die
Mittel, um Großmachtpolitik zu treiben – und auch die
Reformen im
Inneren voranzubringen, auch wenn dies von außen nicht so zu
sehen sein
mag.
Putin, nur ein Profiteur der Umstände?
Scholl-Latour: Nein. Rußland ist stets autokratisch regiert worden. Wer heute behauptet, die Russen würden zur Demokratie streben, der hat nur mit russischen Intellektuellen und Außenseitern gesprochen.
Den
Russen ist
die
westliche Demokratie unter Gorbatschow und die westliche
Marktwirtschaft unter
Jelzin vorgeführt worden, und es hat sie beinahe in die
Katastrophe
geführt:
Rußland stand in den
neunziger Jahren am Rande des Abgrunds. Es hat damals eine
Verelendung erlebt, die die relative Armut der Sowjetunion weit
übertroffen
hat.
Was ist aus dem angeblich dafür verantwortlichen „Erbe der
Sowjetunion“
geworden?
Scholl-Latour: Es war die Politik Jelzins, die die
nationalen
Reichtümer Rußlands an Spekulanten verschleudert hat. Die
Oligarchen gibt es
zwar immer noch, daran kann auch Putin nichts ändern,
aber er
sorgt dafür, daß
sie die russischen Staatsinteressen wahren.
„Demographie legt die
frühere
‘Dampfwalze Rußland’
lahm“
Rußland ist marode, korrupt,
potentiell
politisch
instabil. Wird all das nur geschickt überdeckt,
oder hat das Land an Substanz
gewonnen?
Scholl-Latour: Die Russen verschweigen ihre
Schwächen nicht,
etwa daß sich die Infrastruktur in
einem erbärmlichen Zustand befindet, daß die
Korruption unerträglich ist. Natürlich ist Rußland in
gewisser Weise ein Koloß
auf tönernen Füßen – genährt von den
Exporterlösen aus den Rohstoffverkäufen. Aber das sind heute
alle Großmächte, einschließlich
der USA – mit Ausnahme
Chinas, das auf sehr solider Basis zu stehen beginnt.
Kehrt Rußland also in Zukunft auch als Supermacht zurück?
Scholl-Latour: Großmacht ja, Weltmacht nein.
Denn seine
eigentliche Schwäche liegt in seiner Demographie. Die Zeiten der
„Dampfwalze
Rußland“ sind vorbei. Das größte Flächenland der
Erde hat heute nur noch rund 140 Millionen Einwohner – nicht mehr als
Deutschland und Frankreich
zusammen!
Und jedes Jahr verliert es 800.000
Menschen: Die
Russen
sterben vergleichsweise früh und die Geburtenrate ist extrem
niedrig. Wer sich
dagegen deutlich vermehrt, sind die Turkvölker an den Rändern
des Landes, die
aber wohl kaum Träger der russischen Staatsidee sind.
Die Türken stehen vor einer gewaltigen
Bevölkerungsentwicklung, die bald
die
100-Millionen-Einwohner-Grenze durchbricht. Wird die Türkei also
in Zukunft
bevölkerungsreicher sein als Rußland?
Scholl-Latour: Noch hat
das Land
etwa 72
Millionen Einwohner, aber Sie haben recht,
die Prognosen gehen in diese
Richtung. Dennoch wird die Türkei keine Bedrohung für
Rußland werden. Eher wird
ihre Bevölkerungsexplosion zur Gefahr für Europa, sollte
man sie in die EU
lassen.
Die Putin-Mehrheit für die Duma-Wahl am Sonntag ist sicher.
Was wird die
Wahl bringen,
und was wird aus Putin?
Scholl-Latour: Was Putin
bezüglich der
eignen politischen Karriere plant, weiß keiner.
Wir sprachen mit ihm bei meinem
letzten Rußland-Aufenthalt 2007 über drei Stunden.
Wir haben wirklich versucht,
ihn in dieser Frage auszupressen: ohne Erfolg.
Die Wahl selbst wird mit ihrem
absehbaren Ergebnis Rußland Kontinuität bringen.
Die Autokratie ist seit jeher der
Regierungsstil
Rußlands
gewesen: Der Zar bot immer
einen gewissen Schutz gegen die Willkür der Bojaren,
und so bietet heute Putin Schutz
gegen die Willkür der Oligarchen.
Islamismus als gemeinsamer Gegener
Die von Putin etablierte
„Demokratur“, wie
Kritiker sie
nennen, hat bei uns,
ob der Menschenrechts- und Grundrechtsverletzungen, eine
denkbar schlechte Presse.
Scholl-Latour: Ja, aber
dahinter
steckt
natürlich auch eine systematische Kampagne
gegen Rußland, und es ist ja klar,
welchen Zwecken sie dient.
Nämlich?
Scholl-Latour: Die USA haben kein Interesse daran,
daß sich
die Europäer mit Rußland
allzusehr vernetzten und damit einerseits eine größere
Unabhängigkeit von Washington
gewinnen, andererseits Moskau stärken.
Erstaunlich dabei ist, daß die deutsche Presse
die amerikanische Position
unisono übernimmt.
Sie sehen „Rußland im
Zangengriff“, wie
der Titel Ihres
letzten Buches lautete,
nämlich zwischen dem Islam, China und der Nato, sprich
den USA.
Scholl-Latour: Es ist ein monumentaler Fehler – und
Ausdruck
der totalen Ignoranz –
der Bush-Administration, Moskau nicht zu signalisieren,
daß die USA und Rußland
gemeinsame Interessen und gemeinsame potentielle Gegner
haben. Nämlich zum einen
den revolutionären Islamismus – der Rußland vom
Kaukasus bis nach Tatarstan durchdringt.
Zum anderen China.
Denn außer seiner kaukasischen und
zentralasiatischen Grenze
zum Islam ist die andere
Schwachstelle Rußlands der Ferne Osten, der
russischerseits kaum bevölkert ist:
Diesseits des Ussuri, also auf russischer
Seite, leben dort nur noch etwa fünf Millionen
Einwohner, und wer kann, zieht
weg.
Während in der angrenzenden
chinesischen
Mandschurei 120
Millionen Menschen leben,
die Städte wachsen und nagelneue achtspurige
Autobahnen durch die Steppe gebaut werden.
Derzeit scheinen sich Russen und Chinesen allerdings eher
nahezustehen.
Scholl-Latour: Eben
wegen der
kurzsichtigen,
konfrontativen Politik der USA gegenüber
beiden Ländern. Es gab inzwischen
sogar mehrere russisch-chinesische Militär-Manöver.
Offiziell zur Abwehr des
Terrorismus, tatsächlich aber vor allem zur Abwehr des
US-Vordringens
in
Zentralasien.
Aufklärungsflugzeuge am der
Grenze zu
Rußland
Dennoch dürfte es sich doch eher um Schauveranstaltungen
handeln als um die
Anbahnung eines Bündnisses mit großer Zukunft.
Scholl-Latour: Im wesentlichen wird die Politik der
USA über
Dauer und Intensität dieses
Bündnisses entscheiden. Solange die USA mit Hilfe
der Nato und der EU versuchen, Rußland
hinter die Wolga zurückzudrängen, mit
ihren Aufklärungsflugzeugen zum Beispiel in Estland stehen,
also in direkter
Nachbarschaft zu Sankt Petersburg, oder versuchen, die Ukraine und
Georgien
in
die Nato zu holen – welchen Sinn soll das eigentlich haben, wollen wir
denn
Krieg gegen die
Russen führen? –, so lange ist Rußland darauf angewiesen,
ein
möglichst enges Verhältnis zu China
zu finden.
Und China geht es nicht anders: Peking
wird von uns
immer
wieder deutlich gemacht, daß es
bezüglich seiner nationalen Interessen eher
Kritik als Partnerschaft zu erwarten hat.
Und die deutsche Politik und deutsche
Presse segeln auf diesem fatalen Kurs ganz vorne mit:
Unsere Politiker und
Journalisten sorgen dafür, daß Deutschland in Chinas Augen
eine
antichinesische
Haltung einnimmt. Wie unlängst beim Besuch des Dalai Lama in
Berlin.
Was würden Sie also der Bundeskanzlerin und dem
Außenminister empfehlen?
Scholl-Latour:
Deutschland sollte
auf keinen
Fall den unseligen US-Feldzug gegen Rußland
länger mitmachen! Offiziere der
Bundeswehr befinden sich bereits in der Ukraine und Georgien,
und wir leisten
Zuarbeit bei der Vorbereitung, beide Länder in die Nato und die EU
aufzunehmen.
Wir scheinen vergessen zu haben,
daß die
Sowjetunion bzw.
Rußland seit der Zeit der Wende
in Osteuropa bereits ungeheuere Konzessionen
gemacht hat! Rußland befindet sich in einem
Trauma wie Deutschland nach
Versailles. Es ist heute auf die Grenzen des Zwangsfriedens
von Brest-Litowsk
von 1917 zurückgedrängt – historisch eine Stunde der tiefsten
Erniedrigung
für
die Russen.
Wie damals hat man heute wieder die
Ukraine
verloren – dabei
ist Kiew die Mutter aller
russischen Städte. Wären die amerikanisch-europäischen
Winkelzüge gelungen, wäre auch
Weißrußland
vollständig aus der russischen
Sphäre herausgebrochen worden, dann stünde
die Nato heute wie
weiland die
Wehrmacht gar bei Smolensk.
US-Raketen als Provokation
Ist der Traum von der „Sammlung der russischen Erde“
ausgeträumt, oder
spielt die
Heimholung etwa der Ukraine noch eine ernsthafte Rolle im
politischen Denken der Russen?
Scholl-Latour: Dieser Gedanke entspricht durchaus der
nationalen Gesinnung der meisten Russen
auch heute noch. Allerdings wissen sie,
daß derzeit dazu keine politische Möglichkeit besteht.
Nachdem auch im Osten
der Ukraine, der fast rein russisch bevölkert ist, zwar eine
Anlehnung,
aber
kein Anschluß an Rußland erstrebt wird, ist letzterer wohl
vorerst nicht mehr
zu erwarten.
Was wir im Westen vergessen, ist,
daß sich
Rußland seit den
neunziger Jahren um fast 1.000 Kilometer
zurückgezogen hat – und zum Dank dafür
vom Westen noch enger „belagert“ wird. Die Frage der
Stationierung von
US-Raketen in Polen wird als Provokation empfunden. Das hätte die
deutsche
Presse ruhig einmal beim Namen nennen können. Man fragt sich: Wozu
das Ganze?
Wozu etwa einen Putsch in Georgien
anstiften, der
eine so
dubiose Figur wie Micheil Saakaschwili
an die Macht bringt, der jetzt mit dem
Ausnahmezustand regieren muß und eine ähnliche Diktatur
ausübt wie Eduard
Schewardnadse zuvor. Wozu einen Putsch in Kirgisien einfädeln, der
zu nichts
weiter führt, als das Land an den Abgrund eines neuen
Bürgerkrieges zu bringen?
Diese Politik ist
mit völlig unverständlich, und daß Berlin das kritiklos
mitmacht, noch mehr.
Temperaturschwankungen hat es
stets gegeben
Was vermuten Sie als Grund?
Scholl-Latour: Wir Deutsche machen seit dem Zweiten
Weltkrieg
fast alles mit, was die
Amerikaner machen. Glauben Sie, es war ein Zufall, daß
der Dalai Lama jüngst fast gleichzeitig
im Weißen Haus und im Bundeskanzleramt
empfangen wurde?
Im übrigen ist es wie mit dem
Klimawandel:
Solche
Temperaturschwankungen hat es stets gegeben.
Wissenschaftlichen Erkenntnissen
zufolge sind sie nur zu einem geringen Teil von Menschen verursacht.
Dennoch
legt sich die Bundesregierung hier ganz außerordentlich ins Zeug.
Warum? Das
sind so
Modethemen, mit denen man sich bei uns beliebt macht und von den wahren
Problemen ablenkt.
Sie sehen die deutsche
Außenpolitik also
weder am eigenen
nationalen Interesse noch
an den geopolitischen Realitäten orientiert?
Scholl-Latour: Es gibt gar keine konsequente
deutsche
Außenpolitik – ebensowenig wie eine
strategische Verteidigungskonzeption.
„Vorsicht vor Rapallo- und Tauroggen-Spielen!“
Warum ist das so?
Scholl-Latour: Offenbar ist Deutschland immer noch
nicht
souverän. Nach der Wiedervereinigung
hat man geglaubt, jetzt sei die
Nachkriegszeit überwunden – aber wir haben den
Mentalitätswandel
zu einer normalen
Nation nicht geschafft. Erstaunlich dabei ist, welcher ungeheuren
Arroganz wir
uns
dennoch befleißigen.
Es gibt bei uns einen neuen
Wilhelminismus, den wir
aber
diesmal von den Amerikanern
übernommen haben: Wir wähnen uns insgeheim der
übrigen Welt moralisch überlegen und
glauben ihr ergo sagen zu können, wie man
„es machen“ muß.
Kurz, wir sind wieder bei dem Motto „An
unserem
Wesen soll
die Welt genesen!“ angekommen.
Und zu dieser Torheit kommt obendrein noch
Heuchelei: Denn wenn dann etwa in der muslimischen
Welt bei freien Wahlen
Islamisten die Mehrheit bekommen, lehnen wir diesen Volksentscheid ab
und
verlieren schlagartig das Interesse an der Demokratie dort.
Sollte Deutschland Rapallo wieder als außenpolitische Option
entdecken?
Scholl-Latour: Um Gottes Willen! Keine Rapallo- und
keine
Tauroggen-Spiele!
Die Nato als Knackpunkt
Warum nicht?
Scholl-Latour: Deutschland ist in der westlichen
Allianz gut
aufgehoben. Der Knackpunkt ist,
daß die Nato, die einst gegründet wurde, um
West-Europa zu verteidigen, heute Krieg in
Afghanistan führt. Das ist einer der
Widersprüche, die behoben werden müssen!
Gewönne Deutschland mit einer Anlehnung an Rußland nicht
mehr Spielraum
gegenüber den USA? Immerhin hätten uns diese 2003 – bei einer
CDU-Regierung
in Berlin
– sogar in den Irak-Krieg verwickelt.
Scholl-Latour: Wenn Deutschland wieder eine
Schaukelpolitik
beginnt, wäre das der
Anfang vom Ende. Mit der amerikanischen Freundschaft
könnte es dann nämlich ganz
schnell vorbei sein.
In Ihrem neuen Buch „Zwischen den Fronten. Erlebte Weltgeschichte“
kritisieren Sie
als zentrales Problem das Erlöschen des Willens zur
europäischen Selbstbehauptung.
Scholl-Latour: Zu den Stärken des neuen
Rußlands zählt eine
Wiedergeburt der orthodoxen Kirche.
Die Frömmigkeit der Russen ist echt. Die
finden Sie freilich nicht bei den Intellektuellen in Moskau,
aber im Volk ist
sie wieder fest verwurzelt.
Der orthodoxe Klerus steht fast
geschlossen hinter
Putin. Als
den eigentlichen Vordenker
des neuen Rußlands könnte man vielleicht Alexander
Solschenizyn mit seiner christlich-orthodoxen
Volksverbundenheit betrachten.
Unser Problem ist aber nicht Rußlands neue Stärke, sondern
unsere eigene
Schwäche.
Deshalb sollten wir aufhören mit der
ewigen
deutschen Angst
vor Rußland. Moskau plant kein
militärisches Vorgehen im Westen. Es widersetzt
sich nur dem weiteren Vordringen der Nato nach Osten.
Ich habe bei meinen Rußland-Reisen
nicht nur
Putin, sondern
auch den Ex-Verteidigungsminister
Sergej Iwanow getroffen. Der hat es auf den
Punkt gebracht: Rußland wird sich nie wieder dem
Irrsinn der ehemaligen
Sowjetunion hingeben und vierzig Prozent seines Budgets für
Rüstung
verpulvern.
Prof. Dr. Peter Scholl-Latour
traf
Rußlands
Präsidenten Wladimir Putin im Herbst dieses Jahres zu
einem mehrstündigen
Gespräch. In seinem Buch „Rußland im Zangengriff“
(Propyläen, 2006) analysiert
er die Situation der wiedererstehenden Großmacht. Der Journalist
und Publizist,
Jahrgang 1924,
veröffentlichte bereits über dreißig Bücher.
Soeben erschien
sein Resümee: „Zwischen den Fronten.
Erlebte Weltgeschichte“ (Propyläen, 2007)
Dies Interview erschien am Dienstag,
27.11.2007 in der als "rechts" verschrienen Zeitung "Junge
Freiheit",
aber das hindert ja wohl nichts am Wahrheitsgehalt desssen, was Peter
Scholl-Latour sagt!
Die vor der amerikanischen Staatsführung fortwährend
kriechenden deutschen Medien verbreiten
natürlich weiterhin Propaganda gegen Russland, um die deutsche
Öffentlichkeit zu manipulieren!