Ich sag jetzt mal:
eine sprachliche Pest!
Die Uranfänge der Ich-sag-jetzt-mal Pest sind Anfang der 1990-iger
Jahre zu suchen.
Man geht kaum fehl in der Annahme, daß es zuerst irgendwelche Politiker
und
Parteileute
waren, die da mal so sagten. Es war wohl aus dem Bedürfnis heraus,
bevor
man sich festlegte,
zuerst einmal eine probeweise Darstellung seiner Meinung vorzubringen.
Wahrscheinlich verfielen irgendwelche gutmenschentuerischen Grünen oder
auch sich
ähnlich als besonders einfühlsam und betont rücksichtsvoll
gegenüber einer anderen Meinung
gebende SPD-Leute auf diese ziemlich überflüssige und gestelzt wirkende
Formel:
Bloß nicht irgendwie mit einem entschiedenen Standpunkt anecken.
Ein inzwischen abgemeierter Kanzler sagte auch öfter mal: Ich sach
jetzt mal ...
Statt zu sagen, ich bin mir nicht ganz sicher, ob das stimmt bzw.
durchführbar ist, was ich
da äußere, verfielen sie
auf die Ich-sag-jetz-mal-Floskel. Wenn man diese Ausdrucksweise
wörtlich nimmt, so ist sie
eine banale Selbstbeschreibungsformel, denn jeder hört ja, daß
der Quasseler jetzt etwas sagt,
das brauchte er den Zuhörern nicht noch ausdrücklich mitzuteilen,
daß er jetzt etwas sagt. Auch daß das, was er sagt, nicht der Weisheit
letzter Schluß
sein muß, wird jeder verständige Zuhörer unterstellen. Meinungen
unterliegen immer der
gesellschaftlichen Diskussion, das weiß schließlich jeder.
Es drückt sich hier auch das Überhandnehmen des Unverbindlichen und
opportunistisch
Experimentellen in der Sprache aus, der Neigung zu schnell
umschwenkenden
und unverbindlichen Standpunkten, wie es dem heute weitverbreiteten
Menschentyp
des Opportunisten entspricht. Ich sag jetzt mal, die Deutschen tauchen
heute gerne ins
Fiktive und Unverbindliche ab, sach ich jetzt mal. (ef.)
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