Kleine Chronik einer
Herrscherfamilie, die
aus der
possierlichen Stadt Hannover stammt
Kein
Empfehlungsschreiben
Für Blaublutsauger und Yellow-Press ist
die Hochzeit
zwischen Caroline von Monaco und dem welfischen Prügel‑Prinzen
zweifellos das Ereignis des beinahe noch
jungfräulichen Jahres(1999). Aufgeklärte Zeitgenossen
beteiligen sich natürlich
nicht
an den despektierlichen Spekulationen über eine
eventuelle Schwangerschaft der 42jährigen Prinzessin, sondern
nutzen
die Gelegenheit zu einem kleinen Ausflug in die
Geschichte, zerren Hintergründe und Fakten ans Licht, um die Frage
zu
beantworten: Wen haben sich die Grimaldis
da in den
Palast geholt?
Um das deprimierende Ergebnis vorwegzunehmen:
Rein
genetisch betrachtet ist die Disposition des Prinzen von
Hannover, Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg,
königlichen Prinzen von Großbritannien und Irland, Herzogs
von
Cumberland leider nicht gerade ein
Empfehlungsschreiben. Die Meldung, daß Elisabeth II. die Heirat
genehmigen
mußte,
weil sie offiziell das Oberhaupt der Welfenfamilie
ist, weist uns den Weg in die Chronik der Herrscherfamilie, die aus
der possierlichen Stadt in Norddeutschland stammt.
Seine königliche Hoheit Ernst August von Hannover, wie er sich seit
1990 nennt, steht nach Aussagen zuverlässiger
Adelsreporter an 176. Stelle der englischen Thronfolge.
Viele, viele Jahre bevor Ernst August mit dem
einleitenden Gebrüll
"Gehen Sie weg, Sie Schwein" mit seinem Regenschirm
auf einen Kameramann eindrosch, was ihn 90.000 Mark Buß‑ und
15.000 Mark Schmerzensgeld kostete, wechselte sein
Vorfahr Georg Ludwig nach London und Windsor. Darauf
hatten die Welfen, die sich bis dahin durch die Silberberg-
werke im Harz und Soldatenverkäufe finanzierten,
dreizehn Jahre lang gewartet, denn der Act of Settlement von 1701
hatte die Chance eröffnet: Sie waren die nächsten
auf Albions Thron. "Over,
over, Hanover, over! Put in your
claim
before it's too late", sang man während der
Latenzzeit in den Straßen der Themse‑Metropole. Und dann kamen
sie:
Georg I. -- "pompös, würdevoll, dick, träge,
dünkelhaft, starrsinnig, nie hat er ein Buch gelesen, nie sich
eine Frage
gestellt" --
brachte seinen kompletten Hofstaat von der Leine
mit, Mohren aus dem Türkenkrieg, zwei Mätressen, Minister und
Berater.
Liselotte von der Pfalz urteilte
ehrlich: "Ein heimtückischer, heuchlerischer
Egoist, bar aller guten Eigenschaften,
der keinen Wert darauf legt, jemandem zu
gefallen,
und sich für niemanden interessiert."
Der Nachfolger Georg II. ging als
Schottenschlächter
in die Geschichte ein, privat jedoch beließ er es bei einer
Tracht Prügel, wenn er seine Gattin beim Bücherlesen
erwischte. Sohn Georg III. mußte alsdann nicht nur den Verlust
der amerikanischen Kolonien miterleben.
Verhängnisvoller für ihn war der eigene geistige Verfall.
1810 ließ sich sein
Schwachsinn nicht länger vertuschen, so daß die
Regentschaft vorzeitig an seinen Sohn, den späteren Georg IV.,
überging.
Der entpuppte sich als "Wüstling und
Trunkenbold. Einer der leersten Menschen, die jemals einen Thron
geschändet
haben."
(Treitschke)
Den Rekord an unehelichen Kindern
schließlich hält Wilhelm IV. ,
der letzte der Hanoverians. Mit seiner
Mätresse
Mrs. Jordan, einer Schauspielerin, hatte
er zehn Kinder, die den schönen
Nachnamen
Fitzclarence verpaßt kriegten
Mit Wilhelms Tod endete die Personalunion, und die Engländer konnten
endlich ihr Viktorianisches Zeitalter einläuten.
Nicht nur die Whigs waren
froh, dass Wilhelms Sohn Ernst August nach Hannover expediert wurde.
Der
Herzog von Cumberland galt als "the most
unpopular
prince of modern times".
Zurück an der Leine, hob der König zuerst das
Staatsgrundgesetz auf, um anschließend die sieben
dagegen protestierenden
Göttinger Professoren um die Brüder Grimm
rauszuschmeißen.
Dafür setzte ihm das
Bürgertum ein Denkmal mit einer nur auf den ersten Blick
grammatisch
verwirrenden Widmung:
"Dem Landesvater sein
treues Volk."
(vorm hannoverschen
Hauptbahnhof!)
Aber wie war noch mal die Frage? Wie
schwanger ist
Caroline? Nein! Wen haben sich die Grimaldis da nach Monaco geholt?
Die Antwort weiß Gerhard Polt: "Was
einmal
genetisch so versaut ist, ist allein durch Prügel nicht mehr zu
korrigieren."
Dietrich zur
Nedden
(TAZ,
27. Januar 1999)

Ach,
Caroline. Noch hast du gut lachen. Was aber, wenn dich Dein Gatte beim
Lesen
erwischt?
Foto: Reuters